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Passen barrierefreier Urlaub und Nachhaltigkeit zusammen?

Hängebrücke mit Rollstuhlfahrer und Assistenten

Von: Tobias Streitferdt

www.reisenmitrollstuhl.de fördert und promotet ja das Reisen in Entwicklungs- und Schwellenländer und natürlich stellen wir uns in Zeiten der Klimakrise auch die Frage, ob Fernreisen ökologisch noch verantwortbar sind. Haben Menschen mit Behinderung durch ihren Bedarf an mehr Service auch einen größeren ökologischen Fußabruck oder mehr Einfluss auf die lokalen Kulturen, die bereist werden?  

Der reisende Rollstuhlfahrer – die Umwelt-Sau?

Die Wahrheit ist, dass die Art zu reisen ausschlaggebend für den ökologischen und sozialen Einfluss ist. In diesem Artikel beschreiben wir also, was nachhaltiger Tourismus bedeutet und vergleichen es mit der Reiseart, die viele behinderte Menschen wählen. 

Barrierefreier Tourismus und nachhaltiger Tourismus

Unter barrierefreiem Tourismus versteht man universell gestaltete Produkte und Dienstleistungen, die behinderten Menschen die Möglichkeit geben, ihren Urlaub gleichberechtigt und in Würde zu erleben (Quelle: Buhalis & Darcy, 2011). 

Nachhaltiger Tourismus muss seine derzeitigen und künftigen wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Auswirkungen und gleichzeitig die Bedürfnisse der Besucher, der Branche, der Umwelt und der Gastgebergemeinden berücksichtigen.

Wie passen barrierefreier und nachhaltiger Tourismus zusammen?

Viele behinderte Menschen sind Individualtouristen. Nur so können sie ihre Anreise sowie den Aufenthalt auf ihre Bedürfnisse anpassen. Sie planen seltener Pauschalangebote und nutzen regionale Reiseveranstalter und Dienstleister, die sich individuell auf Ihre Gäste einstellen können. Dabei beschäftigen diese meist Mitarbeiter aus der Region. Darüber hinaus reisen behinderte Menschen weniger häufig und während ihren Reisen auch kürzere Strecken. Sie bleiben oft länger an einem Ort, weil die Logistik aufwendiger ist. Ihre Klimabilanz ist daher oft besser als die von Pauschaltouristen, die mehrmals im Jahr und auch gerne mal zu weit entfernten Zielen fliegen. 

Vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern sind viele Hotels noch nicht auf die Bedürfnisse von behinderten Reisenden eingestellt. Aufgrund der niedrigen Lohnkosten und der flachen Bauweise können sie jedoch oft sehr schnell reagieren und ihre Zimmer, Restaurants oder Freizeitangebote anpassen. Dies betrifft sowohl bauliche Maßnahmen als auch den Transport, Pflege oder Reisebegleitung. Viele der Dienstleistungen werden von lokalen Unternehmen durchgeführt. Die Einnahmen bleiben in der Region.

Auf diesem Bild sehen Sie eine Rampe, die in einem kleinen Hotel in Melakka südlich von Kuala Lumpur gebaut wurde. Es hatte keine behindertengerechten Zimmer, aber alle Zimmer befanden sich im Erdgeschoss, leider mit zwei Stufen am Eingang. Da der Rollstuhlfahrer eine Woche lang bleiben wollte, investierte das Hotel in diese einfache Anpassung. Ein Schlosser aus der Nachbarschaft schweißte diese Metallrampe, die nun allen Gästen mit Rollstühlen zur Verfügung steht.

Ist barrierefreies Reisen auch umweltfreundlich?

Fünf Prozent der weltweiten CO2-Emissionen entstehen laut Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) durch den Tourismus. Allein 75 Prozent aller CO2-Emissionen, die dem Tourismus zugerechnet werden, stammen aus dem Verkehr und hier vor allem aus der An- und Abreise zum Urlaubsort.

 

Also ist der umweltfreundlichste Tourist der, der daheim bleibt. Es ist allerdings absolut unrealistisch, dass die Menschheit nicht mehr reisen wird. In der Corona-Pandemie haben wir ja bereits gesehen, welche katastrophal wirtschaftlichen und sozialen Folgen das Ausbleiben von Touristen in zahlreichen Regionen der Welt hatte. Zudem ist Reisen zur Erholung, dem kulturellen Austausch und dem gesellschaftlichen Miteinander immanent wichtig. Somit sollten wir unseren Blick auf mehr Nachhaltigkeit beim Reisen schärfen. Und hier gibt es weitere Parallelen zum Reiseverhalten von vielen behinderten Menschen.

Lange Reisen sind für sie beschwerlich, insbesondere für Menschen mit körperlichen Einschränkungen. Daher bevorzugen sie eher nahe Reiseziele. Wenn es dennoch eine Fernreise sein soll, dann unternehmen sie diese seltener und für längere Zeit.

Da Rollstuhlfahrer im Flugzeug nach wie vor vom Rollstuhl auf den Flugzeugsitz wechseln müssen, was für viele sehr beschwerlich und unangenehm ist, bevorzugen viele den Zug, in Gruppenreisen auch gerne den Bus. Diese Verkehrsmittel sind erheblich umweltschonender als das Flugzeug.

Auch vor Ort unternehmen Menschen mit Behinderung seltener Ausflüge, wählen diese bewusster aus und nutzen häufig öffentliche Verkehrsmittel, wenn diese barrierefrei sind. Auch größere Strecken legen sie lieber mit dem E-Rolli oder dem Handbike oder Aktivrollstuhl zurück, um sich den umständlichen Transfer in ein Auto zu ersparen. 

Wie gestalte ich meinen barrierefreien Urlaub nachhaltig?

Behinderte Menschen reisen also in der Regel nachhaltiger, weil sie bewusster und statistisch seltener reisen. Aber natürlich können sie auch bewusst auf soziale, ökologische und wirtschaftliche Nachhaltigkeit beim Urlaub achten:

1. Möglichst kurze Anreisestrecke idealerweise mit Bus oder Bahn

Je kürzer die Anreise und je umweltfreundlicher das Transportmittel, desto weniger CO2 wird ausgestoßen. Planen Sie also besser, mit Bus, Bahn oder dem eigenen PKW anzureisen, als mit dem Flugzeug. Wenn es dennoch eine Fernreise sein soll, dann unternehmen Sie diese seltener und bleiben Sie lieber etwas länger. Über Plattformen wie Atmosfair kann man das ausgestoßene CO2 kompensieren, indem man in ökologische Projekte investieren.

2. Buchen Sie nachhaltig!

So unterschiedlich das Angebot an Unterkünften ist, so sehr unterscheidet sich auch deren Nachhaltigkeit. Achten Sie auf Energiesparmaßnahmen, Ökosiegel und Bio- bzw. regionale oder auch vegetarische Küche. In vielen Fällen greifen große Hotelketten sehr viel negativer in die Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt einer Urlaubsregion ein, als es kleinere Wohneinheiten und familiär geführte Hotels tun. Es muss also nicht unbedingt die riesige Hotelanlage sein. Kleinere Unterkünfte bieten oft einen ebenso guten Service und verhalten sich ökologisch und ökonomisch nachhaltiger. Als Gast in einem familiengeführten Hotel unterstützen Sie aktiv die lokale Wirtschaft und nicht irgendeinen Weltkonzern, der vor Ort nur wenig bis keine Steuern zahlt. 

3. Nachhaltiges Reisen im Land

Wählen Sie ein Reiseziel, das bereits vor Ort viele Freizeitmöglichkeiten bietet. Je näher der Weg zu Sehenswürdigkeiten, Bademöglichkeiten u.a. ist, desto weniger müssen sie vor Ort Verkehrsmittel nutzen. Wenn Sie mehrere Stationen in einem Land bereisen wollen, wählen sie lieber weniger Orte und bleiben Sie dafür länger.

Buchen Sie Ausflüge bei lokalen Anbietern. Sowohl ihr Hotel als auch die Touristeninformation wird Ihnen diese gerne nennen. Achten Sie auch hier auf Biosiegel oder ggf. nachhaltige Aktivitäten wie die Zusammenarbeit oder Unterstützung von lokalen Initiativen und Umweltprojekten. Sie unterstützen damit die heimische Wirtschaft und erhalten zugleich oft einen viel besseren Einblick in das tatsächliche Alltagsleben der Menschen im Land.

Nachhaltiges Reisen und Rollstuhlreisen kann Hand in Hand gehen. Die Nachhaltigkeit beim Reisen sollte von allen Menschen berücksichtigt werden – nicht nur denen mit Behinderung!

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Tags: Allgemein, Reisetipps für Rollstuhlfahrer

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    Haus Himmelfahrt www.himmelfahrt.it
    April 21, 2024 4:02 pm

    Sehr geehrter Herr Streitferdt,

    besten Dank für den Artikel!

    Für die Anbieterseite würde wir noch eine wichtige Dimension dazustellen:
    Barrierefreien Tourismus zu ermöglichen, ist in sich selbst ein Ausdruck von Nachhaltigkeit, nämlich von dessen sozialer Säule. Das lässt sich auch an den einschlägigen UN und EU Dokumenten zur Nachhaltigkeit ablesen. Vielleicht ist diesbezüglich dieser Artikel von Interesse: “Nachhaltigkeit und Barrierefreiheit als zwei Seiten einer Medaille: ein Aufruf zur “Intelligenz” im Europäischen Tourismus” (findet sich als Volltext im Netz).

    Wir im Haus Himmelfahrt (www.himmelfahrt.it) versuchen jedenfalls, Barrierefreiheit und Nachhaltigkeit zusammenzubringen.

    Beste Grüsse
    Gabriel Toggenburg

    PS: hier ein kurzes Interview falls von Interesse:
    https://changemakerhotels.com/blog/barrierefrei-haus-himmelfahrt-gabriel-toggenburg

    Reply
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